Mittwoch, 21. Oktober 2009

Wie erzähle ich meinem Kind eine Gute-Nacht-Geschichte?


Nichts leichter als das. Komm mit!

Auch die Tante hatte lange zu viel Respekt davor, Geschichten selbst zu erfinden und der Tochter zu erzählen. Dann hat sie das aber mal probiert, und kann nur sagen:
  1. Es macht Eltern und Kindern viel mehr Spaß als Vorlesen.
  2. Es ist auch billiger.
  3. Es geht ganz einfach.
Jeglicher Bammel ist eigentlich fehl am Platze. Wenn man darüber nachdenkt, sind erschreckend viele Kinderbücher von so grauenerregender Schlichtheit und noch dazu völlig am Kind vorbei erzählt, dass Sie das auch nicht schlechter machen können. Zur Unterstützung hier einige nicht obligatorische Regeln für das Geschichtenerzählen:

Allein schon, weil Sie die Geschichte erzählen, ist Ihr Kind begeistert.
Papa liest das nicht nur ab, sondern erfindet das ganz für mich? Super. (Ehrlich wahr. So einfach denken Kinder. Sie als Eltern sind ja auch immer begeistert, wenn Sohn oder Tochter ein Bild malen.)

Kinder stellen keine großen Anforderungen an den Plot.
"Der Bär hat Bauchweh und geht zum Arzt und der macht ihn gesund" ist eine tolle Geschichte. Es gibt mindestens zwei Dutzend Bücher auf dem deutschen Markt, die genau das erzählen, und die tatsächlich auch Leute kaufen. Das können Sie ehrlich gesagt auch. Die Märchen, die die Brüder Grimm erzählt haben, wurden Ihnen von einfachen Frauen erzählt, die die sich ausgedacht hatten. Hätten die andere Frauen gefragt, hätten wir heute andere Märchen als kulturelle Schätze.

Einzige Anforderung an die Handelnden: es müssen Tiere dabei sein.
Tiere sind süß. Wenn Sie Bären und Hasen nicht mehr ausstehen können, nehmen Sie Kreuzottern, Leguane, Krähen oder Kamelefanten. (Der Kamelefant könnte z.B. Spinnenarchitekt von Beruf sein).

Denken Sie sich nichts vorher aus.
Wenn Sie gerne wollen, können Sie das auch machen. Spannend ist es aber auf jeden Fall, die Kinder am Erfinden teilhaben zu lassen. Persönlich wählt die Tante immer den Anfang aus "Babba, sagt der Maxl": "Da ist einmal der Elefant im Urwald um einen Baum herum gegangen, und als er auf der anderen Seite herum war, was hat er da gesehen?" Das Kind gibt eine Antwort, und aus der entwickelt sich dann die Geschichte. Wenn es ein anderes Tier ist, das der Elefant sieht, könnten die irgendwas zusammen machen: verstecken Spielen, der Elefant gibt Trompetenunterricht, sie Kochen was, suchen einen Freund, gehen in den Dschungelkindergarten, klettern. Wenn es ein Gegenstand ist, macht der Elefant was mit dem Gegenstand bzw. findet heraus, wozu der da ist, bringt ihn zurück, repariert ihn, baut sich eine Schneeballwurfmaschine daraus.

Immer, wenn ich nicht weiterwusste, ließ ich einfach zwei Kerle mit 'ner Knarre zur Tür reinmarschieren.
So ungefähr soll Raymond Chandler gesagt haben, und es ist ein super Tipp (vielleicht können Sie ja die Knarre weglassen). Denn nichts erleichtert das Erzählen so sehr wie: Schwierigkeiten.
Und zwar deshalb, weil Sie dann plötzlich haben, was Sie brauchen:
  • ein klares Ziel, auf dass sich die Handlung zubewegt (die Schwierigkeit beheben),
  • weniger Möglichkeiten für die Handlung, weil es meist nur wenige Mittel gibt, die Schwierigkeiten zu beheben
  • noch mal kurz Zeit gewonnen, in der Sie überlegen können
  • etwas, das die Phantasie anregt
Schwierigkeiten können z.B. sein:
  • der Elefant kann nicht mitmachen, weil seine Tante Geburtstag hat
  • der Affe will nicht klettern, weil er sich den Zeh verstaucht oder Höhenangst hat
  • die Giraffe kommt nicht mit zur Safari, weil sie Höhenangst hat
  • der Bär will gar nicht kuscheln, denn er ist kein Teddybär
Je abstruser, desto mehr Spaß haben Sie selber, sich wieder aus dem Quatsch rauszureden, desto mehr Spaß haben Sie und Ihre Zuhörer.

Ja, ich habe auch mal versucht, draußen zu fotografieren, das musste ich aber schnell wieder aufgeben: Zu viele Möglichkeiten.
Hat dieser Fotograf gesagt, der vor kurzem gestorben ist, Sie wissen schon wer, oder lesen Sie keine Zeitung (Penn?). Möglichkeiten hemmen, weniger Möglichkeiten machen frei. Denn:

Geschichten leben im Wesentlichen vom Konflikt
Das erzählt Ihnen jeder Drehbuchratgeber, und es ist nicht falsch. Star Wars funktioniert als Geschichte auch vollkommen ohne X-Wing-Fighter, Droiden, Lichtschwerter, Wookies und Banthas. (Ich kucke jetzt nicht nach, ob ich Banthas richtig geschrieben haben, ist auch egal). Vielmehr geht es darin um Konflikte zwischen Gut und Böse, Vertrauen und Misstrauen und so'n Kram. Gut, Vertrauen verkauft sich nicht so gut als Actionfigur, das macht aber auch in diesem Falle nichts.

So. Das war's. Jetzt trauen Sie sich mal. Und tragen Sie Ihr Geld nicht zu irgendwelchen Onlineportalen, wo man Geschichten kaufen kann (hier kein Link), denn das macht die Tante traurig, ist rausgeschmissenes Geld und macht viel weniger Spaß.

Kommentare:

Großonkel Bulgarien hat gesagt…

Sehr schöner Text. Und Banthas sind richtig geschrieben, ich habe das mal recherchiert.

die Tante Jensen hat gesagt…

Danke! Es ist immer gut, wenn man einen Großonkel Bulgarien hat, der so was für einen nachsehen kann. Kassel hätte das bestimmt nicht gewusst.

Großonkel Bulgarien hat gesagt…

Kassel weiß ja nie was

Kommentar veröffentlichen

Aha, Sie sehen das also anders oder auch so? Wie genau?

Beachten Sie bitte, dass Links in den Kommentaren suchmaschinenmäßig keine Relevanz haben, weil sie mit rel="nofollow" versehen sind.

Anonyme Kommentare werden ohne Ansehen der Person gelöscht. Gebt Euch doch einen wiedererkennbaren lustigen Namen.