Freitag, 14. Juli 2006

Die andere Meinung

Viele Leute haben ja das Problem, dass sie keine eigene Meinung haben, aber gerne eine hätten. Deswegen bietet Tante Jensen bei besonderen Themen, die das Wahlvolk bewegen, einen neuen Service: die Tante-Jensen-Schwadronierhilfe. Es geht ganz einfach: Sie suchen sich eine Meinung bei uns aus, und geben diese dann ungehemmt als Ihre eigene aus.
Dabei sind unsere Meinungen keine Produkte von der Stange - jede wurde sorgfältig in unserer Diskutieranstalt von Hand vorargumentiert. Mit diesen exklusiven Einzelmeinungen werden Sie garantiert der Mittelpunkt jeder Gesprächsrunde sein! Um solche Meinungen werden Ihre Freunde Sie beneiden!

5 noch ungenannte unhaltbare Meinungen zum Thema "Klinsmann"!

1 "Der Klinsmann ist ein Arsch! Unsere Jungs so im Stich zu lassen! Die sollten ihn hochkant aus Deutschland rausschmeißen! Soll er doch nach Amerika gehen, wenn's ihm da viel besser gefällt. Aber ich hab nix anderes erwartet! Das ist ein Killer! Ich hab's Euch damals schon gesagt!"

2 "Der Klinsmann hat das doch nur gemacht, um den Kahn rauszuschmeißen! Kaum hat der Olli seinen Rücktritt erklärt, ist der Klinsmann auch sofort weg! Das ging mir verdächtig schnell. Der Lothar hat recht gehabt damals: Der Klinsmann ist ein Killer! Ich hab's Euch damals schon gesagt!"

3 "Was ein Glück, dass der Löw das jetzt macht. Ohne den wär der Klinsmann doch nie so weit gekommen, der hat ja gar keine Trainererfahrung! Das hat alles der Löw gemacht! Die hätten den Klinsmann schon viel früher rausschmeißen sollen, dann wären wir Weltmeister geworden! Ich hab's Euch damals schon gesagt!"

4 "Der Klinsmann hätte denen schon viel früher den Lafontaine machen sollen! Direkt nach dem Argentinienspiel den Effenberg machen machen! Da hätten die aber den Beckham gemacht. Die hatten den gar nicht verdient! Ich hab's Euch damals schon gesagt!"

5 "Ich hab's Euch damals schon gesagt!"

Donnerstag, 13. Juli 2006

Wenn mit 62 noch mal Mutter wird ...

... dann ist man ja 63 wenn das Kind ein Jahr alt ist! Wie hält man das aus? fragte mich heute die Tante Frieda beim Frühstück. Das ist doch schon mit 27 einfach nur saustressig!
Keine Ahnung. Vielleicht hat die senile Bettflucht dann schon so weit zugeschlagen, dass diese Frau gerne um fünf Uhr Brei kocht. Oder die Schwerhörigkeit ist schon so weit, dass sie die Schreie einfach wegdrehen kann.
Oder gibt es da von der EU unterstütze Förderprogramme, "Betreutes Wickeln?" Neue integrative Wohnprojekte? Zwei Generationen zum Preis von drei?
Das ist problematisch. Man würde ja hoffen, dass die Kinder mal bei der Betreuung einspringen können, wenn die Mutter älter wird und nicht mehr so kann. Aber die Kinder sind ja selbst die zu Betreuenden. Und an wem bleibt das dann hängen? Na? An der Tante.

(Das Korrekturprogramm kennt übrigens nicht "Schwerhörigkeit" und schlägt mir dafür "Moskauhörigkeit" vor. Die rote Gefahr lauert immer noch überall!)

Mittwoch, 12. Juli 2006

Tippfehler

Die Leute beschweren sich immer wieder, dass ich so undeutlich tippe. Ich weiß es, ich weiß es, und ich bemühe mich ja auch, das wieder zu korrigieren. Aber ich sitze hier mit Eric und Jürgen neben mir, die beide zwar sehr nett sind, aber mir eben auf den Bildschirm sehen können. Und da sie sich oft langweilen, bin ich die einzige, die mit meinem Getippsel ein wenig Sonnenschein in ihren Alltag bringt. Aber ich ich fühle mich in der Produktion doch gehemmt und mache dann nur husch-husch. Das ist wie auf der Toilette: Wenn ich weiß, dass mir jemand zuhört, kann ich von der Performance her nicht das Optimum an Leistung herauskitzeln und fühle mich dann wie Jan Ullrich ohne Blutdoping.

Scusi!

Oh, Signore Materazzi hat ja gar keine Mutter mehr. Ruft also nicht nach ihr. War also geschmacklos von uns. Scusi, bello! Perdone? Molto tante! (tante? Tante.)

Dienstag, 11. Juli 2006

Foulspieler der Herzen

So, so. Materazzi hat also zu Zidane gesagt, seine Schwester wäre eine Na-was-wohl. Der älteste aller Fußballtricks. HAben wir früher auch immer so gemacht. Darauf hin rastet Zidane aus. Und Materazzi lässt sich mit der italienischen Liebe für Oper und Drama fallen ("Mamma, diese Mann hat misse gefoult!"), und als der Schiri rot zeigt, ist alles wieder gut und die Mamma muss gar nicht kommen.
Ich sage: Das war großartig von einem großartigen Spieler. In seinem letzten Spiel auf den ganzen Scheiß pfeifen und die Ehre der Schwester retten! Und endlich einmal auf einen dieser Sprüche, die er sich bestimmt tausendmal hat anhören müssen, mit einer saftigen Tätlichkeit reagieren. Ein grandioser Schlusspunkt einer grandiosen Karriere.
Und hiermit ist Schluss mit der WM-Kommentierung bei Tante Jensen. Morgen geht's um Butterbrote.

Montag, 10. Juli 2006

Aus! Aus! Aus!

Hupen, hupen, hupen. Machen wie bekloppt, bloß weil sie Weltmeister geworden sind! Wenn sie jetzt Europameister geworden wären, dann ...
Das ist doch alles vergänglich. Wie lange haben wir uns 1996 gefreut, als wir Europameister wurden? Und als wir (die Frauen) Weltmeister wurden (und noch sind)? Das ist doch nach zwei, drei Wochen irgendwie vergessen.
Das ist wie mit dem neuen Topfset, das ich mir vor zwei Monaten gekauft habe: Am Anfang habe ich mich auch wahnsinnig gefreut und gedacht: "Jetzt ist alles gut, und du hast keine Wünsche mehr". Und was ist? Jetzt ist alles schon wieder ganz normal. Dabei kann ich das Topfset von Schulte-Ufer wenigstens behalten und muss es nicht wieder abgeben. Und es hat einen Kupferboden und isolierte Griffe. Das ist was! Nicht so'n oller Pokal, den irgendein Hund vorm Wembleystadion ausgebuddelt hat!
(Oder war das der Vorgängerpokal? Vermutlich.)
Ja, wenn sie ein Topfset gewonnen hätten, dann ...! Aber da müssen sie sich wohl noch ein bißchen anstrengen.

Freitag, 7. Juli 2006

Die Autofahne

Die Leute schreiben mir. Und wollen Trost. Trost, weil alles doof sei. Dazu haben sie ein erläutertes Bild mitgeschickt (rechts).

Dabei ist doch gar nicht alles doof! Und Deutschland ist doch noch dabei in diesem großartigen Spiel um Platz drei, das auch noch am Samstag ist, damit man besser feieren kann (so fürsorglich ist die FIFA! Eine rundum tolle Organisation!). Und alles ist immer noch so schön bunt! (Gut, das seht Ihr jetzt vielleicht nicht, wenn Ihr gerade in Amerika seid. Aber der Grundtenor ist doch klar: Alles ist super!) Alle haben immer noch diese schönen Fahnen an ihren Autos hängen, manche sind zwar schon arg zerzaust vom vielen Durch-die-Gegend-Fahren. Aber es sieht doch so schön aus.
Und dazu ist mir noch was eingefallen (Kuck! Schon wieder! Es ist einfach der helle Wahnsinn!)

Die an die Autofenster geklemmten Fahnen sind doch das Bild dieser WM. Das liegt auch daran, dass sie alle Eigenschaften besitzen, die Euphorie und Patriotismuswelle selbst anhaften (gutes Wort):

1. Sie sind billig und einfach zu haben.

Für 1,99 € oder kostenlos zum Kasten Bier dazu und einfach ins Fenster geklemmt. Kommen wie die Siege der Nationalmannschaft vollkommen ohne eigenes Zutun beinahe frei Haus geliefert. Wir freuen uns über die Siege einer Mannschaft, der keiner etwas zugetraut hat, wie über ein kostenloses Geschenk, dessen wir aber eigentlich nicht bedürfen.

2. Sie sind bequem und folgenlos.

Leicht zu entfernen, hinterlassen sie keine sichtbaren Spuren oder bleibende Verletzungen, die wirkliche Anhänger spüren mögen, wenn ihre Mannschaft verliert. Zwar ernst gemeint, aber nicht mit jenem Herzblut, das uns dazu bringen würde, uns mit anderen zu prügeln, weil diese gewonnen haben.

3. Sie imitieren südländischen Überschwang.

Wir haben in Erinnerung die Bilder von Autokorsos anderer Nationen, bei denen die Menschen die Fahnen aus dem Auto schwenkend durch die Nacht fahren. Wir dagegen sitzen bei geschlossenem Fenster vollklimatisiert und die Fahne hält sich selbst. Nur hupen müssen wir noch selber.

Und das ist doch schon ein Trost: Wir haben was gelernt in diesen drei Wochen. Wir können jetzt hupen, weil wir die anderen Autofahrer nett finden, und nicht, weil wir sie doof (s.o.) finden. Und noch mehr: Wir finden sie sogar nett! Und alles nur für 1,99 € (zzgl. die zig Millionen für die WM). Hat sich doch gelohnt.