Montag, 8. Juni 2009

Warum es nicht irgendwann mal gut ist mit den Nazis

Gut, das ist jetzt nicht so'n lustiger Beitrag, aber den hatte ich irgendwann mal geschrieben und immer gewartet, wann ich ihn mal unterbringen kann. Und mit Obamabesuch und Wahlergebnissen scheint er mir ganz gut aufgehoben. Und auch irgendwie angezeigt. So:

Sie können es auch nicht mehr hören? Sie sind die ewigen Selbstanklagen leid? Sie wollen nicht mehr ständig gesagt bekommen, wie böse die Deutschen doch sind? Ich eigentlich auch nicht, aber wir beide müssen es wohl noch ein Weilchen aushalten, tut mir leid.

Selbstbezichtigungen sind nervig, und es wäre schön, endlich mal das Thema wechseln zu können, bitte. Deutsche haben nicht nur Unglück über die Welt gebracht, sondern ihr auch Beethoven, den Computer, das Auto, Raketen und irgendnochwas geschenkt, auf das man gerne stolz sein könnte. Doch irgendwer hält immer das Auschwitzschild hoch, und so richtig stolz dürfen nur die auf Deutschland sein, die das mit Auschwitz als Lüge darstellen (zu denen kommen wir noch).

Und es ist ja nicht so, dass andere Völker nur Gutes getan hätten: Die Franzosen haben zwar kaum eigene Juden ausgeliefert, dafür hatten sie genug zu tun, die nach Frankreich geflüchteten Juden zurück nach Deutschland zu schicken, alles von Franzosen selbst organisiert. Die niederländische Polizei hat die Juden, die die Deutschen nicht selbst verhaften konnten, an deren Stelle verhaftet. Die Briten haben lange überlegt, ob sie nicht lieber die Seiten wechseln sollen und gemeinsam mit den Deutschen gegen die Russen kämpfen sollen; in der Zwischenzeit haben sie Hamburg, Frankfurt, Dresden und viele andere Städte in Schutt und Asche gelegt, die Bahngleise zu den Konzentrationslagern aber nicht angetastet. Und bis die Japaner Pearl Harbor angriffen, fanden die Amerikaner die Sache mit den Juden in Deutschland eigentlich auch ganz gut. Das sagt alles keiner.

Und eben das ist der springende Punkt: Das alles sagt keiner. Weil Franzosen, Niederländer, Britten, Amerikaner und alle anderen es sich immer einfach machen können und sagen: die Deutschen waren aber schuld, die Deutschen haben die schlimmsten, unvorstellbarsten Grausamkeiten begangen, die Deutschen waren richtige Unmenschen.

Nur wir Deutschen, wir können sagen: es waren keine Unmenschen, es waren Menschen. Denn es muss nicht daran erinnert werden, dass es Deutsche waren, die solch furchtbare Dinge getan haben. Das ist egal. Es muss daran erinnert werden, dass es Menschen waren, die so etwas getan haben. Freundliche, kultivierte Männer und Frauen. Nicht die „Anderen“, die „Unmenschen“, die "Bösen". Nicht die Boches, die Moffen, die Krauts. Nein: nette, lustige Großväter, Onkel, Großtanten haben ihre langjährigen Nachbarn getötet, ihre Freunde vergast, ihre Kollegen erschossen und eine halbe Stunde danach schon wieder Tennis gespielt, Erdbeerkuchen gebacken oder ein Prélude von Beethoven auf der Geige geübt.

Dass Menschen so etwas tun können ist es, woran erinnert werden muss. Und die Juden, die damals nicht geflohen sind, die Neonazis und die Deutschenhasser konnten oder können sich genau das nicht vorstellen. Und weil genau das so unvorstellbar war und bleibt, sind die einen nicht geflohen, behaupten die anderen, dass es nicht passiert ist, und sagen die dritten, dass alle und nur Deutschen Unmenschen sind.

Aber so lange wir nicht verstanden haben, dass Menschen Menschen so etwas antun können (und immer noch antun), so lange kann es geschehen, so lange wird es geschehen - bis wir gelernt haben es zu verstehen und wachsam zu sein und willens, es zu verhindern. Deswegen müssen wir noch lange die Selbstbezichtigungen ertragen. Weil es sonst niemand macht. Und darauf, dass wir es machen, könnte man fast schon wieder stolz sein – vielleicht nicht auf das deutsche Volk an sich, vielleicht aber auf die deutsche Erinnerungskultur 2009. Und das ist doch auch schon was.

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