Donnerstag, 1. März 2007

Ich auch! Ich auch!

Ich hab auch mal einen Text zu Kinderbetreuung geschrieben, und weil der letzte von Tante Frieda war und es grad so schön passt, kommt er jetzt dran:

Warum wissen auch die Leute/Männer, die wegen ihrer Karriere leider nicht genug von der Familie bekommen, was sie gerne in Talkshows groß bejammern ohne was dran zu ändern, warum wissen auch die Leute genau, was ihre zu Hause gebliebene Familie braucht? Woher wissen die das, dass ein Kind seine Mutter braucht? Dass alle andern ganz eng aufeinander sitzen müssen, obwohl sie selbst das anscheinend nicht brauchen?

Waren sie so naiv, ihre Kinder zu fragen? Kinder sind Egoisten – sie wollen alles. Sie wollen, dass Mama die ganze Zeit da ist, sie wollen eine neue Playstation, ein neues Handy und zehn neue Schuhe sowieso. Sie würden auch wollen, dass Papa die ganze Zeit da ist, aber irgendwie scheint danach niemand zu fragen … Aber pardon, verzeihen Sie, wie konnte ich vergessen, das mit der Mutter ist ja anders, das ist ja die Natur, die uns das sagt, die Veranlagung. Das weiß man doch.

Scheißdreck. Ich sag jetzt mal, wie es wirklich ist: Kinder nerven. Sie nerven so wahnsinnig, wie nur jemand nerven kann, der einem sehr nahe steht. Ich liebe meine Tochter über alles, aber es ist auch sehr schön, einfach mal an einem Tisch zu sitzen, und irgendwas zu machen (oder auch: nichts). Wenn Sie keine Kinder betreuen oder betreut haben, können Sie nicht wissen, worüber wir diskutieren, wenn wir über Kinderbetreuung diskutieren. Wir diskutieren darüber, dass man den ganzen Tag (und der ganze Tag beginnt um 06:00 Uhr) das macht, was das Kind möchte. Und zwar sofort, sonst gibt’s Gebrüll. Wir reden darüber, dass "Ich bin seit einer Stunde auf, und in anderthalb Stunden macht der Bäcker auf." ein sinnvoller und wahrer deutscher Satz sein kann.

Gut, ich bin vielleicht verweichlicht, und ich gebe zu, ab und an setze ich meine Tochter in den Laufstall, damit ich die Spülmaschine ausräumen kann. Aber ich setze sie nicht in den Laufstall, damit ich die Zeitung lesen kann, noch nicht mal die FAZ, auch wenn dadurch das Abendland untergeht. Zeitung lesen gehört der Vergangenheit an (und vielleicht der fernen Zukunft). Bei allem, was ich tue, will ein 76 cm großer Mensch sehen was ich mache, die Dinge auch anfassen, die Sachen auch in den Mund nehmen. Immer. Alles. Kinder sind ein unglaubliches Glück, aber sie nerven auch bisweilen ganz ungemein.

Das macht aber nichts. Denn: Eltern nerven auch. Eltern verbieten ständig irgendwas, wollen, dass man dieses macht und jenes nicht, lassen einen nicht mit dem Messer spielen und nicht dreizehn Stunden mit der Playstation. Oder, wenn sie mal nicht nerven, erlauben sie den Kindern genau das, und dann meckern die Abendlandsbewahrer auch. (Ist nicht, nur nebenbei, eines der Dinge, die die Abendlandsbewahrer an den islamischen Kulturen so abstößt, die Behandlung der Frau, dass die nur zu Hause herumsitzen mit ihren vielen Kindern? Aber genau das wollen einige von den abendländischen Frauen doch auch, oder? Aber da hab ich bestimmt wieder was falsch verstanden.) Ich finde, wenn sich Kinder und Eltern zuweilen ein wenig aus dem Weg gehen könnte, würde das allen gut tun.

Das bringt uns langsam dazu, die nächste Frage richtig erfassen zu können: Warum lassen wir in Deutschland unsere Kinder („Unser Kapital für die Zukunft!“, „Unsere Lieblinge!“, „Unser größter Schatz!“) von Frauen erziehen, die dafür nicht qualifiziert sind? Von Frauen, die dazu erkennbar demotiviert sind? Von Frauen, die damit sichtlich überfordert sind? Von schlecht bezahlten, schlecht ausgebildeten Frauen? Von: ihren Müttern (und auch ihren Vätern)? Deren einzige Befähigung in einer ominösen übernatürlichen Liebe zu ihrem Kind besteht, die sie instinktiv alles richtig machen lässt?

Ich sei beleidigend und indiskutabel? Entsetzlich?

Dann gehen Sie mal an einem normalen Wochentag tagsüber in die Innenstadt, in die Billigsupermärkte, in die billigeren Kleidungsgeschäfte – dorthin, wo die rauchenden Mütter (und/oder Väter) mit ihren Kindern sind. Dorthin, wo die Kinder nur im Wagen sitzen. Nicht dahin, wo die Eltern sind, die die Erziehungsratgeber lesen, nicht auf die Spielplätze. Dorthin wo die Kinder angeschrien werden.

Und jetzt sagen Sie mir, dass ich nicht Recht hätte. Dass diese Mütter ihre Kinder nicht als Belastung empfinden. Dass das mit dem Muttertrieb vielleicht nicht so universell toll funktioniert, wie manche Väter und Nichteltern glauben. Dass Sie nicht den Wunsch verspüren, den Kindern dieser Eltern ein paar Stunden pro Tag gesundes Essen, eine Erziehung und, ja, Liebe zu geben.

Und dann sagen Sie mir, warum sich hunderttausende Mütter und Väter (die andere Sorte, die die liest und nicht die, die fernsieht) in all die Ratgeber einlesen müssen, wo es doch auch Menschen gibt, die dafür ausgebildet wurden. Menschen, die bereits wissen, was einen Krupp vom Pseudokrupp unterscheidet. Wie man Fehlstellungen vermeiden kann. Ab wann Kinder welches Essen vertragen. Dass Lauflerngeräte Schwachsinn sind. Diese Menschen könnten sich in Gesprächen, z. B. wenn die Kinder vom Kindergarten abgeholt werden, mit den Müttern und Vätern doch austauschen. Und die Kinder könnten dabei im Umgang mit anderen Kindern Sozialkompetenzen erwerben, team building qualities, die sie auf die zentralen key challenges der modernen Businesswelt optimal vorbereiten: u. a. Kompromisse schließen, teilen und ohne viel Gebrüll einschlafen. Und statt, dass der Staat sechs Menschen dafür bezahlt, auf sechs Kinder aufzupassen, könnte er doch einen davon bezahlen, dass er auf die sechs Kinder aufpasst, zumindest ein paar Stunden lang, und die anderen fünf Menschen könnten in der Zwischenzeit irgend etwas produzieren, Mehrwert erwirtschaften, das Bruttoinlandsprodukt heben … Das wär’ doch irgendwie viel billiger, oder?

Aber da hab ich bestimmt wieder was falsch verstanden. Oder ich bin auch schon verdorben und Teil des bereits untergegangenen Teils des Abendlandes.

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